Geschichte
Die Idee, Wortlängen als Code für Ziffern zu nutzen, ist deutlich älter als der Begriff Pilish. Sie taucht im frühen 20. Jahrhundert als Gedächtnistechnik in mehreren Sprachräumen unabhängig voneinander auf, wird in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Rätsel- und Logologie-Szene gepflegt und in den 1990er-Jahren von Mike Keith zu einer eigenständigen literarischen Form ausgebaut.
Frühe Piems (frühes 20. Jahrhundert)
Die ersten überlieferten Beispiele sind kurze, mnemotechnisch gemeinte Sätze. Im Englischen ist der bekannteste der Sir-James-Jeans-Satz (siehe Kapitel 01):
How I need a drink, alcoholic of course, after the heavy lectures involving quantum mechanics! 15 Stellen π
Parallel kursieren in dieser Zeit französische, italienische und deutsche Verse mit demselben Prinzip — vgl. Kapitel 06 und Kapitel 07.
Mike Keith und die Formalisierung (1990er)
Der amerikanische Mathematiker, Software-Ingenieur und Logologe Mike Keith (geboren 1955) gilt als prägende Figur der modernen Pilish-Tradition. Keith arbeitete bei Sarnoff Corporation und Intel an Multimedia-Technologien (u. a. Digital Video Interactive und dem Codec Indeo) und ist als Erfinder oder Mit-Erfinder auf rund 60 US-Patenten genannt. Mathematisch ist er der erste Beschreiber der sogenannten Keith-Zahlen und der primeval numbers.
In seinen Texten und auf seiner Website cadaeic.net hat Keith die zwei Regelvarianten — Basic und Standard Pilish — definiert (siehe Kapitel 02) und damit das Schreiben über kurze Merkverse hinaus überhaupt erst praktikabel gemacht. Constrained-writing-Beiträge von ihm erscheinen regelmäßig in Word Ways: The Journal of Recreational Linguistics.
Meilensteine
| Jahr | Werk / Ereignis | Stellen π |
|---|---|---|
| ~1914 | Sir James Jeans’ Satz „How I need a drink…“ wird populär | 15 |
| 1995 | Mike Keith: Poe, E.: Near A Raven — Pilish-Adaption von Poes The Raven | 740 |
| 1996 | Mike Keith: Cadaeic Cadenza, Kurzgeschichte | 3 835 |
| 2010 | Mike Keith & Diana Keith: Not A Wake — erstes vollständig in Pilish geschriebenes Buch | 10 000 |
Vom Merkvers zur literarischen Form
Der Sprung von Near A Raven (740 Ziffern, 1995) zu Not A Wake (10 000 Ziffern, 2010) ist nicht nur quantitativ. Mit dem Buch wird Pilish endgültig vom Mnemonik-Spielzeug zu einer eigenständigen Form: Es enthält Lyrik, Kurzprosa, ein Theaterstück, ein Drehbuch und sogar Kreuzworträtsel — alles unter derselben π-Beschränkung. Damit steht Pilish heute in einer Reihe mit den klassischen Oulipo-Constraints.