Kapitel 04 · Profil

Mike Keith

Mike Keith (Michael Keith, * 1955) ist die zentrale Figur der modernen Pilish-Tradition — aber das ist nur ein Ausschnitt seines Werks. Wer Pilish verstehen will, kommt um Keith nicht herum; wer sich näher mit ihm beschäftigt, entdeckt eine ungewöhnliche Kombination aus Mathematik, Software-Entwicklung, Logologie und Musiktheorie. Dieses Kapitel ordnet Keiths Arbeit über Pilish hinaus ein.

Biografisches im Überblick

Geboren1955, USA
Ausbildung & BerufMathematiker und Software-Ingenieur
Sarnoff Corporation1980–1990; Mitarbeit am ersten PC-Digital-Video-System Digital Video Interactive
Intel Corporation1990–1998; Mitglied des Teams, das den Video-Codec Indeo entwickelte
Patenteals Erfinder oder Mit-Erfinder auf rund 60 US-Patenten genannt
Webseitecadaeic.net — Sammelhub seiner Schriften und Werke

Mathematischer Beitrag: Keith-Zahlen

1987 beschrieb Keith eine Klasse rekursiv definierter Zahlen, die heute seinen Namen trägt: die Keith-Zahlen (auch repfigit numbers, kurz für repetitive Fibonacci-like digit). Eine natürliche Zahl n mit k Ziffern in der Basis b ist eine Keith-Zahl, wenn die folgende Regel zutrifft: Bilde eine Folge, deren erste k Glieder die Ziffern von n sind; jedes weitere Glied ist die Summe der k direkt vorausgehenden Glieder. Wenn n selbst irgendwann in dieser Folge auftaucht, ist n eine Keith-Zahl.

Das klassische Beispiel ist 197:

1 + 9 + 7 = 17 · 9 + 7 + 17 = 33 · 7 + 17 + 33 = 57 · 17 + 33 + 57 = 107 · 33 + 57 + 107 = 197 ✓

Bekannte Keith-Zahlen sind 14, 19, 28, 47, 61, 75, 197, 742, 1104, 1537, 2208, 2580, 3684, 4788, 7385, 7647, 7909, 31331, 34285, 34348, 55604, 62662, 86935, 93993 und viele weitere. Die Folge ist in der OEIS als A007629 katalogisiert. Bisher sind nur etwa 125 Keith-Zahlen bekannt — sie sind rar und lassen sich nur durch erschöpfende Suche finden; ein effizienter Algorithmus ist nicht bekannt.

Mathematischer Beitrag: Primeval Numbers

Im Juli 1998 beschrieb Keith eine zweite, von ihm geprägte Zahlenklasse: die primeval numbers. Eine positive ganze Zahl heißt primeval, wenn sie mehr in ihren Ziffern enthaltene Primzahlen enthält als jede kleinere Zahl. „Enthalten“ meint dabei: Primzahlen, die sich aus Permutationen einer Teilmenge der Ziffern bilden lassen.

Beispiel 107: Aus seinen Ziffern lassen sich die Primzahlen 2 (nicht — keine 2), 7, 17, 71, 107, 701 bilden — fünf Stück. Da keine Zahl unter 107 fünf oder mehr eingebettete Primzahlen enthält, ist 107 eine primeval number. Auch diese Folge ist in der OEIS dokumentiert.

Logologie und Constrained Writing

Pilish ist Keiths bekannteste Schreibkonstruktion, aber bei weitem nicht seine einzige. Neben den Pilish-Werken (siehe Kapitel 05) hat Keith vor allem zwei Felder bespielt:

The Anagrammed Bible (mit Richard Brodie)

Gemeinsam mit dem Anagramm-Spezialisten Richard Brodie veröffentlichte Keith The Anagrammed Bible: Proverbs, Ecclesiastes, Song of Solomon. Die Idee: Jeder Vers (oder ein zusammenhängender Versblock) der drei Bücher der King-James-Bibel wird buchstabengetreu zu einem neuen Text mit einer ähnlichen Bedeutung umgestellt — das ist der formale Anspruch eines „apposite anagrams“: Buchstabenmenge identisch, Sinn verwandt. Das Buch enthält 115 Seiten paralleler Spalten (Original neben Anagramm), eine fünfseitige Einleitung und zehn Seiten Endnoten zu literarischen und kulturellen Anspielungen. Insgesamt werden ungefähr 95 000 Buchstaben des Originals neu arrangiert. 1999 wurde Keith von der Newsgroup alt.anagrams zum „Anagrammatist of the Year“ gekürt.

Word Ways: The Journal of Recreational Linguistics

Keiths Aufsätze zu Logologie und Constrained Writing erscheinen regelmäßig in Word Ways, der wichtigsten englischsprachigen Fachzeitschrift zur Sprachspielerei. Hier hat er u. a. die Pilish-Konventionen formalisiert (siehe Kapitel 02) und Studien zu Anagrammen, Palindromen und akrostischen Verfahren publiziert.

Musik-Kombinatorik: From Polychords to Pólya

1991 erschien bei Vinculum Press Keiths Buch From Polychords to Pólya: Adventures in Musical Combinatorics. Auf rund 166 Seiten zeigt es, wie sich kombinatorische Methoden — Binomialkoeffizienten, Halsketten-Zählung, Pascalsches Dreieck, Fibonacci-Folge und insbesondere der Pólyasche Abzählsatz — zur Klassifikation musikalischer Konstrukte einsetzen lassen: Akkorde, Skalen, Tonarten, rhythmische Muster. Konkret arbeitet das Buch mit der zyklischen Gruppe der zwölf Transpositionen im gleichstufig temperierten Zwölftonsystem.

Das Buch ist für Schüler:innen mit guter Mathematik-Grundlage oder Musiker:innen mit etwas Mathe-Hintergrund geschrieben — eine ungewöhnliche, aber gelungene Kreuzung von Bereichen, die Keith schon damals zusammendachte.

Pilish in Keiths Werk: ein roter Faden

Auf den ersten Blick wirken Keiths Felder eklektisch: Patente zu Video-Codecs, Zahlentheorie, Musik-Kombinatorik, Bibel-Anagramme, ein Buch, dessen Wortlängen 10 000 Stellen π codieren. Was sie verbindet, ist eine Grundoperation: einer Struktur einen formalen Mechanismus überstülpen und schauen, was Neues entsteht. Bei Pilish ist es die Ziffernfolge von π, die der Sprache aufgezwungen wird; bei Polychords ist es die Gruppentheorie auf der Tonart; bei der Anagrammed Bible ist es das Anagramm-Gesetz auf einem heiligen Text. Keiths Werk lässt sich gut als Plädoyer dafür lesen, dass strenge Form keine Einengung sein muss, sondern oft die Bedingung für überraschende Funde ist.

Werkverzeichnis (Auswahl)

JahrWerkForm
1987Beschreibung der Keith-ZahlenMathematik (Folge A007629)
1991From Polychords to Pólya: Adventures in Musical CombinatoricsBuch, Vinculum Press
1995Poe, E.: Near A RavenPilish-Gedicht (740 Stellen)
1996Cadaeic CadenzaPilish-Kurzgeschichte (3 835 Stellen)
1998Beschreibung der primeval numbersMathematik
2000The Anagrammed Bible (mit Richard Brodie)Anagramm-Buch
2010Not A WakePilish-Buch (10 000 Stellen, mit Diana Keith)
laufendAufsätze in Word Ways: The Journal of Recreational LinguisticsFachzeitschrift

Quellen