Verwandte Constraints
Pilish ist nicht allein. Es steht in der Tradition des constrained writing — Texte, deren Form aus dem freiwilligen Verzicht auf bestimmte Mittel oder dem Gehorsam gegenüber einer formalen Regel entsteht. Drei Nachbarschaften sind besonders erhellend.
Oulipo — die Werkstatt der „möglichen Literatur“
1960 in Paris gegründet von Raymond Queneau und François Le Lionnais, ist Oulipo (kurz für Ouvroir de littérature potentielle, „Werkstatt der möglichen Literatur“) die einflussreichste Sammelstelle für constrained writing. Die Mitglieder — Mathematiker und Schriftsteller, darunter Georges Perec, Italo Calvino und Jacques Roubaud — entwickeln Schreibverfahren als systematische Verfahren, nicht als spontane Eingebung. Pilish wird in Oulipo-Übersichten regelmäßig als Verwandter aufgeführt; die Idee, Wortlängen einer mathematischen Folge unterzuordnen, fügt sich nahtlos in die Oulipo-Logik.
Lipogramm
Ein Lipogramm ist ein Text, in dem ein bestimmter Buchstabe (oder eine Gruppe von Buchstaben) konsequent vermieden wird. Das berühmteste Beispiel ist Georges Perecs Roman La Disparition (1969), 300 Seiten ohne ein einziges e — auf Englisch erschienen unter dem sprechenden Titel A Void. Das Lipogramm ist gewissermaßen das negative Pendant zu Pilish: dort werden Wortlängen positiv diktiert, hier wird ein Buchstabe verboten.
Univokalismus
Der Univokalismus erlaubt nur einen einzigen Vokal. Perec schrieb Les Revenentes (1972) ausschließlich mit dem Vokal e — als Spiegelstück zu La Disparition. Andere Beispiele beschränken sich auf a oder i. Das Verfahren ist näher am Lipogramm als an Pilish, gehört aber zur selben Tradition formalen Verzichts.
Weitere verwandte Formen
| Form | Regel |
|---|---|
| Pangramm | Jeder Buchstabe des Alphabets kommt mindestens einmal vor (klassisch: „The quick brown fox…“). |
| Anagramm | Buchstaben eines Textes werden zu einem neuen sinnvollen Text umgestellt; Mike Keith hat mit The Anagrammed Bible ein Großwerk dieser Art mitverfasst. |
| Akrostichon | Anfangsbuchstaben der Zeilen oder Wörter ergeben ein Wort oder einen Satz. |
| Prisoner's constraint | Variante des Lipogramms: keine Buchstaben mit Ober- oder Unterlänge (b, d, f, g, h, j, k, l, p, q, t, y). |
| Padova / e-Pilish | Die Pilish-Idee, übertragen auf die Eulersche Zahl e — gleicher Mechanismus, andere Ziffernfolge. |
Was macht Pilish besonders?
Im Vergleich zu Lipogramm und Univokalismus, die rein auf Buchstabenebene operieren, koppelt Pilish den Text an eine äußere, mathematische Struktur. Diese Kopplung hat zwei reizvolle Eigenschaften: Erstens ist die Ziffernfolge von π unendlich und scheinbar zufällig — dem Autor wird nie etwas gegeben, alles muss erkämpft werden. Zweitens ist π kulturell aufgeladen: Wer in Pilish schreibt, schreibt zugleich an einem Mythos mit, der Jahrtausende alt ist.