Kapitel 09

Pi-Day & Kultur

Pilish ist nicht nur ein literarisches Verfahren, sondern auch ein wiederkehrendes Element rund um den Pi-Day — den 14. März. Die Datumsschreibweise 3/14 entspricht den ersten drei Stellen von π. An diesem Tag bündelt sich vieles, was sonst über das Jahr verteilt zu π und zu Pilish stattfindet.

Pi-Day: Ursprung und Verbreitung

Der Pi-Day wurde 1988 von dem Physiker Larry Shaw am Exploratorium in San Francisco ins Leben gerufen — einem öffentlichen Wissenschaftsmuseum, in dem die ersten Feiern mit Umzügen und Pizza-Pi-Slices abgehalten wurden. 2009 sprach das US-Repräsentantenhaus offiziell die Anerkennung des Pi-Day aus. Heute ist der Tag international etabliert; an Schulen, Universitäten und Mathezirkeln wird er häufig mit Wettbewerben, Vorträgen und Backaktionen begangen.

Typische Pi-Day-Aktivitäten

Pilish in der Pop- und Internetkultur

Außerhalb des Pi-Day taucht Pilish in mehreren wiederkehrenden Kontexten auf:

Verein: Freunde der Zahl Pi

Der wohl bekannteste Verein im deutschsprachigen Raum, der sich ausschließlich der Kreiszahl widmet, ist der Verein der Freunde der Zahl Pi mit Sitz in Wien. Gegründet 1995, betreibt er die Webseite pi314.at und versteht sich laut Eigendefinition als zwangloser Klub, dessen Zweck die „Aufrechterhaltung und Förderung des Geistes der Zahl Pi“ ist.

Aufnahmebedingung

Wer Mitglied werden will, muss die ersten 100 Nachkommastellen von π aus dem Kopf rezitieren. Die Aufnahmeprüfung wird in der Regel persönlich abgelegt — entweder vor mindestens dem Präsidenten, der Vize-Präsidentin oder einem Pi-Botschafter. Der Verein legt zusätzlich Wert auf eine ästhetische Darbietung: Die Kandidat:innen dürfen ihre Rezitation singen, dabei jonglieren, Räder schlagen oder Handstand machen — solche Begleithandlungen sollen die Konzentration steigern und gehören zum sympathisch-skurrilen Charakter des Vereins.

Pi-Botschafter und internationale Standorte

Damit auch außerhalb Wiens Aufnahmeprüfungen stattfinden können, ernennt der Verein Pi-Botschafter:innen, die berechtigt sind, Kandidat:innen zu prüfen. Genannt werden u. a. Volkmar Schmidt, Christian Rieger und Hael Yxxs. Den Pi-Tag (14. März) feiert der Verein traditionell in Wien — etwa rund um den Stephansplatz, wo zeitweise ein Infostand aufgebaut und neue Mitglieder direkt vor Ort geprüft wurden — und in vier internationalen Außenposten: Endingen (Schweiz), Waldsassen (Deutschland) und Eagle Creek (Oregon, USA).

Deutscher Ableger und Mathematikum-Aktion

Es existiert ein deutscher Ableger des Vereins, dessen Aufnahmeprüfungen u. a. im Mathematikum in Gießen abgenommen werden. Eine besonders dokumentierte Aufnahmeprüfung absolvierte der Mentalist und Künstler Harry Keaton dort am 27. August 2020.

Interessante Fakten

Tag des Tau — die Konkurrenz

Eine wachsende Gruppe von Mathematikenthusiasten feiert stattdessen am 28. Juni den Tau Day. Tau (τ) ist definiert als τ = 2π ≈ 6,28318… — also genau das Doppelte von π. Das Datum 6/28 in der amerikanischen Schreibweise spiegelt die ersten drei Stellen wider.

Ursprung: Bob Palais und das Tau-Manifest

Den Anstoß gab der Mathematikprofessor Bob Palais von der University of Utah mit seinem 2001 im Mathematical Intelligencer erschienenen Aufsatz „π is Wrong!". Palais argumentierte, die eigentliche „Kreiskonstante" sollte nicht das Verhältnis Umfang zu Durchmesser beschreiben, sondern Umfang zu Radius — und das ergibt 2π, nicht π.

2010 griff der Softwareentwickler und Pädagoge Michael Hartl diesen Gedanken auf und veröffentlichte das Tau Manifesto — eine ausführliche mathematische Streitschrift, in der er τ zur wahren Kreiskonstante erklärte und π als „falsche Wahl" bezeichnete. Das Manifest ist bis heute auf tauday.com frei verfügbar und wurde zuletzt 2023 aktualisiert.

Bekannte Unterstützer:innen

Die Tau-Bewegung hat einige prominente Fürsprecher gewonnen: Die Mathematikerin und YouTube-Produzentin Vi Hart machte die Debatte mit ihren Videos „Pi Is Wrong" und „Pi Is (still) Wrong" einem breiten Publikum bekannt. Sal Khan von der Khan Academy widmete Tau einen eigenen Erklär-Blogpost. Das MIT verschob den Zeitpunkt seiner jährlichen Zulassungsentscheidungen auf 6:28 Uhr als Hommage an Tau.

Auch in der Softwarewelt hat Tau Einzug gehalten: Python (math.tau seit Version 3.6), Java, Microsoft .NET und Rust kennen τ als eingebaute Konstante. Der Google-Rechner zeigt auf Anfrage ebenfalls τ an.

Argumente für Tau

Das Herzstück des Tau-Arguments ist die Rolle des Radius. Ein Kreis ist geometrisch durch seinen Radius definiert — nicht durch den Durchmesser. Daher wirke es unnatürlich, eine Konstante zu verwenden, die ausgerechnet den Durchmesser ins Verhältnis setzt. Konkret:

Argumente für Pi — die Gegenseite

Der Mathematiker Michael Cavers veröffentlichte das Pi Manifesto als direkte Antwort und warf Hartl „selektive Argumentation" vor. Die Kernpunkte der Pi-Verteidiger:

Taulish — eine Randnotiz

Ein eigenes literarisches Gegenstück zu Pilish — Taulish, bei dem Wortlängen die Stellen von τ codieren — ist nicht etabliert. Da τ = 2π, beginnt Taulish mit den Stellen 6, 2, 8, 3, 1, 8… statt 3, 1, 4, 1, 5, 9… Die Idee existiert als gelegentlicher Scherz in der Pilish-Community, hat aber keine nennenswerte Werkstatt-Tradition hervorgebracht.

Quellen